Stadttheater Giessen
    Vier muntere Darsteller in 139 Rollen

    Vier munter Darsteller in 139 Rollen

    Witzig und einfallsreich: Hitchcock-Klassiker „Die 39 Stufen“ im Theater im Löbershof

    Zug- und Autofahrten mit vorüberziehender Landschaft, eine wilde Verfolgungsjagd durchs neblige Moor, eine abenteuerliche Flucht aus dem Polizeigefängnis und eine Schießerei im Revuetheater – alles, was der Film kann, kann das Theater genauso gut. Witzig, einfallsreich und mit großem Geschick reizt die junge Regisseurin Meike Niemeyer in ihrer Inszenierung des Krimi-Klassikers „Die 39 Stufen“ die Möglichkeiten einer Theaterbühne bis aufs Letzte aus.
    In einer schier atemlosen Abfolge wechseln die Schauplätze, und die vier Darsteller müssen richtig schuften: Mit schnellen Handgriffen bauen sie für den raschen Szenenwechsel nicht nur die Bühne um, sondern schlüpfen im Verlauf von 100 Minuten in nicht weniger als 139 Rollen.
    Komik nicht überstrapaziert
    Das Premierenpublikum im Theater im Löbershof (TiL) amüsierte sich köstlich und dankte dem munter agierenden Schauspieler-Quartett am Ende mit herzlichem, wohlverdientem Applaus. Der galt natürlich auch der Regisseurin, die den Bogen der Komik niemals überspannt und, zum Glück, nicht den Versuchungen des Klamauks erliegt. Der jeweilige Witz trifft, wird aber nicht überstrapaziert. Der mächtige Strom der Handlung mit vier hervorragenden Schauspielern bestimmt ganz das Geschehen. Dazu schuf Ausstatter Thomas Döll eine aus wenigen Versatzstücken bestehende Bühne, die sich in Sekundenschnelle verändern lässt. Und wie im Kino untermalt mal dramatische, mal süßliche Filmmusik die Szenen.
    London 1935. Richard Hannay (Rainer Hustedt) besucht eine Vorstellung im West End Theater. Da fällt plötzlich ein Schuss. Das Publikum bricht in Panik aus. Inmitten des Tumults lernt Hannay eine junge Frau (Kyra Lippler) kennen. Noch ahnt er nicht, dass sie wenig später in seinen Armen sterben wird – hinterrücks ermordet durch einen Messerstich. Kurz vor ihrem Tod vertraut sie ihm ein Geheimnis an: Danach hängt die Sicherheit des gesamten Landes offenbar von den „39 Stufen“ ab.
    1935 drehte Alfred Hitchcock seinen gleichnamigen Film nach dem Spionage-Thriller von Joch Buchan, dessen Romanheld Richard Hannay alles hatte, was auch Hitchcocks zukünftige Helden auszeichnen sollte: ein sympathischer Bürger, charmant, etwas ungelenk, aber mutig, der unversehens zum Spielball feindlicher Mächte wird. Der englische Komödienautor Patrick Barlow hat Hitchcocks Klassiker für die Bühne eingerichtet, und wie das Gießener Publikum nun sehen kann, versteht es Barlow meisterhaft, große Erzählstoffe mit den Mitteln des Theaters zu einer rasanten Komödie aufzubereiten.
    Auch Hitchcock spielt mit
    Rainer Hustedt besteht tapfer das turbulente Spionage-Abenteuer. Er verleiht Richard Hannay anfangs die Züge eines etwas gelangweilten Londoner Lebemanns und verkörpert einen schlagfertigen, gewitzten Mann, der in jeder Situation die Form wahrt und Gentleman bleibt. Kyra Lippler zeigt viele Gesichter. Sie gibt der verführerisch schönen, geheimnisvollen Annabella Smith (das spätere Mordopfer) genauso Gestalt wie der verhärmten schottischen Bäuerin und der etwas naiven Pamela. Milan Pešl und Frank Watzke, die im Sekundentakt von einer Rolle in die andere wechseln, erweisen sich als Vollblutkomödianten durch und durch, die dem Affen so richtig Zucker geben. Eben noch sind sie im Zugabteil zwei alberne Vertreter für Dessous, gleich darauf Polizisten, Agenten, Verräter. Pešl mimt den frömmelnden schottischen Bauern und sogar einen wiederkäuenden Bullen auf der Weide, und Watzke findet in einer herrlich komischen Szene als hessisch babbelnde Putzfrau (Frau Stubbelich?) die Frauenleiche mit dem Messer im Rücken.
    Meike Niemeyer, die bereits Barlows „Messias“ in Gießen erfolgreich auf die Bühne gebracht hat, kann sich in einer Szene eine Anspielung auf Hitchcocks „Psycho“ nicht verkneifen, und genau wie in seinen Filmen tritt der Grusel-Altmeister in einer Szene selbst auf.
    In diesen „39 Stufen“ gibt es viel zu lachen. Deshalb sollte man sich eine der folgenden Vorstellungen nicht entgehen lassen. Gespielt wird am 14. und 18. November sowie 5. und 31. Dezember jeweils um 20 Uhr im TiL. 08.11.2009 – Thomas Schmitz-Albohn, Gießener Anzeiger, 08.11. 2009